
Die Entstehung und ersten Jahre des Freundeskreises des POLIN-Museums
Es begann am 1. August 1994 in Warschau. Bundespräsident Prof. Dr. Roman Herzog weilte zu einem Staatsbesuch in Warschau. Von Frau Dr. Grażyna Pawlak vom Żydowski Instytut Historyczne (Jüdisch Historisches Institut) in Warschau wurde ihm, anlässlich eines Empfanges in der Residenz des Botschafters Bauch die Idee vorgetragen, ein Museum für die Geschichte der polnischen Juden zu errichten. Bundespräsident Herzog fand Gefallen an dieser Idee und sagte die von ihm erbetene Unterstützung zu. Den Initiatoren des Projektes ging es von Anfang an nicht nur um die Erinnerung an die Ermordung der polnischen Juden, nach ihren Vorstellungen sollte das Museum vor allem ein „erzählendes Museum“ sein. Die mehr als tausendjährige Geschichte und Kultur der Juden in Polen sollte mit modernen Methoden dargestellt werden.
Bundespräsident Herzog und sein Staatssekretär Wilhelm Staudacher hielten sich an die zugesagte Unterstützung. Eigene Mittel standen dafür nicht zur Verfügung. Deshalb wurde am 16. April 1996 im Bundespräsidialamt in Bonn der „Verein zur Förderung des Museums für jüdische Geschichte in Polen e.V.“ gegründet. Als Gründungsmitglieder waren u. a. anwesend: Prof. Dr. h.c. Berthold Beitz, Botschafter Dr. Franz Bertele, Dr. Ulrich Bopp, Ignatz Bubis, Markus Meckel, Prof. Dr. H. Schoeps, Prof. Dr. Siegfried Unseld und Josef Thesing. Botschafter Dr. Bertele wurde zum Vorsitzenden gewählt, Prof. Dr. Schoeps und Josef Thesing zu Vorstandsmitgliedern. Dr. Bertele gab den Vorsitz 2005 an Josef Thesing ab. Prof. Ernst Cramer von der Axel-Springer-Stiftung kam etwas später als Mitglied hinzu.
Der Förderverein konzentrierte sich von Anfang an auf zwei Anliegen:
a) eine Anfangsfinanzierung zu sichern, die es dem Jüdischen Historischen Institut in Warschau ermöglichte, mit den konkreten Planungen für das Museum zu beginnen;
b) Erfahrungen aus anderen Museen in die Vorbereitung und Planung des Projektes in Warschau einzubringen.
Mit Hilfe der Konrad-Adenauer-Stiftung, die das Vorhaben im Rahmen ihrer Möglichkeiten förderte, konnte vom 24. bis 26. April 1996 in Warschau eine Fachkonferenz zum Thema: „Die Rolle der Historischen Museen im gegenwärtigen Mittel- und Osteuropa – Die Darstellung der Geschichte des jüdischen Lebens“ organisiert werden. Als Referenten konnten unter anderem gewonnen werden: Prof. Jeshajahu Weinberg, Gründungsdirektor des Museums der Jüdischen Diaspora in Tel Aviv und des United States Holocaust Memorial Museums in Washington D.C., Prof. Israel Gutman, Direktor des Internationalen Forschungszentrums Yad Vashem, Jerusalem; Prof. Hermann Schäfer, Direktor des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn; Jerzy Halbersztadt, Direktor des Universitätsmuseums in Warschau, der auch für lange Jahre die Leitung des Projektes übernahm.
Die Anfangsphase musste finanziell abgesichert werden. Vorhaben dieser Größenordnung haben zunächst kaum eine Chance, von gutwilligen Spender:innen Geld zu erhalten. Die Förderer wollen Konkretes sehen. Das Konkrete entsteht aber nicht von heute auf morgen. Es muss mühsam geplant und erarbeitet werden. Der Vorstand des deutschen Fördervereins bemühte sich deshalb um die Anfangsfinanzierung. Das gelang auch. Durch Spenden, vor allem durch die Hilfe der Bosch-Stiftung und durch die vom Förderverein initiierte Antragstellung bei der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit konnten insgesamt rund 2 Mio. DM aufgebracht werden. Zugleich nahm der Förderverein Kontakt zur Bundesregierung auf, um eine finanzielle Hilfe zu erhalten. Nach mehreren Gesprächen gelang das schließlich. Die Bundesrepublik Deutschland stellte 5 Mio. Euro bereit.
Allmählich wuchs auch das Interesse in Warschau. Die Stadt Warschau stellte kostenlos das Grundstück für den Bau des Museums zur Verfügung. Im ehemaligen jüdischen Viertel Muranów, am Platz der Helden des Ghettoaufstandes, gegenüber dem Denkmal, sollte das Museumsgebäude errichtet werden.
Der Platz hat eine besondere Geschichte. Im 19. Jahrhundert entstand hier das jüdische Zentrum, das nach dem Warschauer Ghettoaufstand vollständig von den deutschen Besatzern zerstört wurde. Bis dahin waren 90% der Einwohner:innen des Viertels jüdisch.
Auch die polnische Regierung beteiligte sich an dem Museumsprojekt. Am 25. Januar 2005 unterzeichneten der Oberbürgermeister der Stadt Warschau, Lech Kaczyński, der Minister für Kultur der Regierung der Republik Polen, Waldemar Dabrowski, und Prof. Jerzy Tomaszewski, Vize-Präsident der Stowarzyszenie Żydowski Instytut Historyczny w Polsce (Vereinigung Jüdisches Historisches Institut in Polen) den Gründungsvertrag für das Museum der Geschichte der polnischen Juden. Darin verpflichten sich die Vertragspartner zum Bau und Unterhalt des Museums.
Die erste Phase der Arbeit des deutschen Fördervereins war mit der Eröffnung des Museums am 19. April 2013 beendet. Uns wurde immer wieder von polnischer Seite bestätigt, dass ohne die von uns abgesicherte Anfangsfinanzierung das Vorhaben nur schwer hätte realisiert werden können. Die Aufgabe des Vereins ist es jetzt, das Museum und seine Arbeit in Deutschland bekannt zu machen und es aktiv in die polnisch-deutschen sowie die jüdisch-christlichen Beziehungen einzubeziehen.
Autor: Dr. h.c. Josef Thesing, Ehrenvorsitzender und bis 2013 Vorsitzender des Vereins zur Förderung des Museums für Jüdische Geschichte Polens e.V.; Vorsitzender des Kuratoriums der DPG Köln-Bonn
